Krankenstände und Arbeitszeiten der Deutschen wurden in den vergangenen Wochen häufiger thematisiert: Erstere seien angeblich zu hoch und Letztere zu niedrig. Wir widmen uns heute mit DeltaMaster einmal den Krankenständen der Versicherten bei den Betriebskrankenkassen.
Krankenstände – welche Daten liegen vor?
In den letzten Wochen beschwerten sich prominente Politiker – allen voran Bundeskanzler Merz und Bayerns Ministerpräsident Söder – über die gestiegenen Krankentage der deutschen Arbeitnehmerschaft. In Verdacht geriet vor allem die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung.
Die Neugier ist geweckt und daraus resultiert die Frage: Was ist über die Krankenstände bekannt, welche Zahlen liegen vor? Die ernüchternde Antwort: Es ist gar nicht so einfach, an direkt nutzbare Daten zu gelangen!
Das Bundesministerium für Gesundheit hält einige Auswertungen in Form von PDF-Dokumenten bereit. Allerdings betrachtet eine eigentlich passende Auswertung der Monatlichen Krankenstände den Zeitraum von 1970 bis Oktober 2014 (2014, nicht 2024!). Was lässt sich beim Bundesministerium sonst noch finden?
AU-Tage 2020: Fälle und verursachte Tage der Pflichtmitglieder ohne Rentner
Eine interessante Auswertung wäre in dem Dokument Arbeitsunfähigkeit nach Dauer zu entdecken, allerdings ist dieses Dokument auch nur von 2020. Für wirklich jeden Wert der Dauer von 1 Tag bis 546 Tagen werden die Arbeitsunfähigkeitsfälle angegeben, einmal als Gesamtwerte und danach noch getrennt für die einzelnen Krankenkassenverbände.
Obige Grafische Tabelle aus unserer BI-Software DeltaMaster zeigt die Häufigkeiten von AU-Dauern für Pflichtmitglieder ohne Rentner und die dadurch verursachten Arbeitsunfähigkeitstage für den Bereich zwischen 1 und 28 AU-Tagen.
Die größte Anzahl mit 4,8 Mio. Fällen gibt es bei 5 AU-Tagen, ebenso erreichen die verursachten Abwesenheitstage hier ihr Maximum. Insgesamt gab es im Jahr 2020 32,8 Mio. Fälle und 228,2 Mio. verursachte Arbeitsunfähigkeitstage. Die sichtbaren AU-Tage der Tabelle bis 28 Tage decken 91 % der Fälle, aber nur 39 % der Tage ab.
Das Bundesministerium für Gesundheit hält noch ähnliche Daten für Diagnosen und Alter- und Krankheitsgruppen (und Geschlecht) bereit, aber eben nur als schlecht verwertbares PDF und nur von 2020.
Krankenstände bei den BKK
Das Bundesministerium für Gesundheit selbst erhält die Daten über den GKV-Spitzenverband, welcher wiederum Daten von den beteiligten Krankenkassenverbänden einsammelt. Das heißt, bei den Krankenkassen befinden wir uns an der Quelle. Der BKK-Dachverband bietet auch tatsächlich aktuelle Daten (Stand Ende 2025) zu seinen Mitgliedern an.
Dankenswerterweise hat mir die Abteilung Analytik des BKK-Dachverbandes erlaubt, diese Daten für den vorliegenden Blog-Beitrag zu nutzen. Ich habe mir nun das Excel-File BKK-Monatsstatistik_Jahresuebersicht_2025.xlxs näher angeschaut.
Die Kennzahl, die im Mittelpunkt steht, ist der Krankenstand. Der Krankenstand wird in Prozent angegeben. Dazu werden die durchschnittlichen AU-Tage pro Monat durch die Anzahl der Kalendertage (also bspw. 30 für den April) dividiert.
Die AU-Tage können auch Sonn- oder Feiertage enthalten. Wenn beispielsweise im April Beschäftigte im Schnitt 3 Tage arbeitsunfähig gemeldet sind, entspricht das einem Krankenstand von 3/30 = 10 Prozent.
Laut FAQ werden grundsätzlich alle AU-Zeiten der Beschäftigten einbezogen, für die der jeweiligen BKK eine AU-Bescheinigung des Beschäftigten vorliegt. Nicht in die BKK Statistik einbezogen werden die vom Arbeitgeber optional gewährten Karenztage ohne AU-Bescheinigung sowie Kinderkrankengeldtage nach §45 SGB V.
Krankenstand in den Wirtschaftsabteilungen
Im heruntergeladenen Excel-File werden die Daten aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Meistens ist zur gerade im Mittelpunkt gegebenen Dimension noch das Geschlecht gegeben.
Die erste Größe, die einen Einfluss haben kann, ist die Dimension der Wirtschaftsabteilungen. Es sind für die Monate des Jahres 2025 die Krankenstände in den 88 Wirtschaftsabteilungen gegeben, zusätzlich noch aufgegliedert nach Geschlecht. Ich habe hier die Daten aus dem Excel-File im Self-Service modelliert und dabei mehrfach Parent-Child-Hierarchien eingesetzt:
Ohne detaillierte Betrachtung der Wirtschaftsabteilungen ist in den letzten drei Jahren eigentlich wenig Bewegung gegeben:
Entwicklung des Krankenstandes nach Geschlecht (G=Gesamt) auf Jahresebene
Wenn überhaupt auf aggregierter Ebene etwas festzustellen ist, dann, dass der Krankenstand in den letzten drei Jahren leicht gesunken ist. Bei den Frauen ist der durchschnittliche Krankenstand gegenüber den Männern um ca. 0.4 Prozentpunkte erhöht.
Ob dieser Unterschied grundsätzlich vorhanden ist oder eher durch die Wahl des Arbeitsplatzes entsteht, werden wir hoffentlich später erklären können.
Einfluss der Wirtschaftsabteilungen
Für die Wirtschaftsabteilungen sind nur die Monatswerte des letzten Jahres 2025 gegeben. Es liegt zwar auch eine Excel-Datei mit den Daten des Jahres 2024 vor, allerdings sind dort die 88 Wirtschaftsabteilungen anders gruppiert.
Welches sind die Wirtschaftsabteilungen mit den höchsten und den niedrigsten Krankenständen und wie sehen die Verläufe während des Jahres aus? In den Achseneigenschaften wählen wir „Obere/Untere nach Anzahl“, bspw. mit Anzahl = 8, und sortieren nach Krankenstand [%] (Jahreswert):
Einstellungen unter Achse bearbeiten
Wichtig ist hier die Option getrennt bei Gesamtwert (und nicht bei Vorzeichenwechsel), damit wir auch die 8 Wirtschaftsabteilungen mit den niedrigsten Krankenständen sehen:
Top/Bottom-8 der Wirtschaftsabteilungen
Die typographische Skalierung mit Bissantz’Numbers stellt es deutlich heraus:
Offensichtlich gibt es doch größere Unterschiede zwischen den Wirtschaftsabteilungen. Höhere Krankenstände sind bspw. in 99 Exterritoriale Organisationen und Körperschaften zu beobachten. Hierzu gehören Arbeitsplätze bei der UNO, dem Internationalen Währungsfonds, OECD und anderen Institutionen. Warum die Ausfallzeiten entstehen – ist es ein höherer Anteil älterer Beschäftigter, Fachkräftemangel oder etwas anderes? – ist aber unbekannt.
Beim 2 Platz 87 Heime lässt sich der erhöhte Krankenstand leichter interpretieren. Die Arbeit in der Pflege ist herausfordernd und führt mutmaßlich zu häufigeren Fehlzeiten.
Am unteren Ende sieht man 62 Dienstleistungen der Informationstechnologie und 59 Herstellung, Verleih und Vertrieb von Filmen und Fernsehprogrammen. Ob hier weniger anstrengende Arbeiten vorliegen oder, wie in manchen Veröffentlichungen behauptet, der Zwang zur Anwesenheit (Präsentismus) höher ist, wage ich nicht zu beurteilen.
Einfluss der Jahreszeit
Die Grafische Tabelle zeigt schon, dass es bestimmte Monate im Jahr 2025 gab, in denen der Krankenstand anstieg. Hier habe ich den Februar im Verdacht.
Wählen wir zur Abwechslung mit der Option Farbe die Färbung des Hintergrundes und stellen eine zeilenweise Skalierung ein, so sehen wir den Februar immer mit der intensivsten Färbung:
Höchster Krankenstand im Februar 2025
Dass der Februar 2025 den jeweils höchsten Krankenstand aufweist, gilt nicht nur für die hier sichtbaren 16, sondern für alle 88 vorhandenen Wirtschaftsabteilungen. Beim Minimum sieht man, dass mehrere Monate auftauchen können: August und Juni 2025 sind häufig vertreten, aber auch April 2025.
Exkurs (neues Feature): BI-Faktor bei Wert 0 optional umkehren
Mit dem letzten Release 6.6.7 ist ein kleines, aber nützliches Feature erschienen. Wir vertreten die Philosophie, dass die zwei Farben Blau und Rot bei der Darstellung der Wirkung von Kennzahlen vollkommen ausreichen. Blaue Kennzahlen bezeichnen durchgehend Werte mit einem positiven, betriebswirtschaftlichen Effekt und rot dargestellte Kennzahlen haben eine negative Auswirkung.
Bisher hat die 0 immer die gleiche Farbe wie Werte mit positivem Vorzeichen erhalten: Ein Umsatz von 0 wurde blau dargestellt und ein Rabatt von 0 rot.
Manchmal, vor allem bei Anzahlen, verhält sich die 0 aber konträr zu Werten mit positiven Vorzeichen. Die Anzahl der abgeschlossenen Verträge soll blau dargestellt werden, wenn sie positiv ist, aber 0 Verträge werden negativ bewertet.
Eine positive Anzahl von Krankentagen ist negativ und wird rot dargestellt. Ein Krankenstand von 0 ist positiv und soll die Farbe Blau erhalten. Den BI-Faktor beim Wert 0 kann man in den Analysewerteigenschaften optional umkehren:
Einstellung der Umkehrung
Die folgende Grafische Tabelle der Krankheitstage der Mitarbeiter in einem kleinen Unternehmen verdeutlicht den Unterschied. Bei Krankheitstage0 haben wir die Umkehrung aktiviert:
0 Krankheitstage sind gut (und deshalb blau dargestellt)!
Monate mit minimalem Krankenstand
Das neue Feature kann ich aber auch bei den gegebenen Daten über den Krankenstand bei den BKK einsetzen. Zwar kann ich in DeltaMaster eine Kennzahl nicht mit dem Wert einer anderen einfärben, aber trotzdem kann ich diese Funktion gewinnbringend nutzen. Dazu berechne ich zunächst für jede Wirtschaftsabteilung den minimalen durchschnittlichen Krankenstand der Monate des Jahres 2025.
Dann zerlege ich den Krankenstand in eine Summe aus Minimum und Differenz des Krankenstandes zum Minimum, also K = M + (K-M).
Für diese Differenz K – M kann ich dann das neue Feature „BI-Faktor bei Wert 0 optional umkehren“ anwenden und sehe durch die Blaufärbung schön, in welchem Monat der minimale Krankenstand beobachtet wurde.
In diesem Monat wird die Differenz 0 und das Umkehrung der Färbung greift:
Monate mit minimalem Krankenstand in Blau
Bei den Top-10 (nach durchschnittlichem Krankenstand) ist der Juni am häufigsten vertreten. In dieser Darstellung sind die Monate (hier durchgehend der Februar) mit der jeweils höchsten Differenz – die immer auch zum höchsten Krankenstand gehört! – durch die dunkelste Rotfärbung ebenfalls leicht zu identifizieren.
Über den Spalteneditor habe ich auch den Wert des Minimums eingefügt.
Einfluss des Geschlechts auf den Krankenstand
Oben hatten wir bereits bemerkt, dass Frauen im Schnitt einen etwas höheren Krankenstand aufweisen. Um hier tieferes Verständnis zu erlangen, schauen wir, ob es Wirtschaftsabteilungen gibt, bei denen sich die Krankenstände zwischen den Geschlechtern unterscheiden. Blicken wir zunächst auf die Differenzen der Jahreswerte mit einer Rangfolge:
Quellen
Die Daten entstammen der Internetseite des BKK Dachverbands mit den aktuellen Statistiken. Dort finden Sie auch Antworten zu den FAQ zum Thema, auch als PDF verfügbar. Verwendet wurde die Datei der BKK-Monatstatistik Jahresübersicht 2025.
Wir können nicht garantieren, dass die dargestellten und abgeleiteten Werte korrekt bzw. korrekt berechnet sind.







